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Archiv der Kategorie 'Gedichte und Balladen'

Gedicht von William Shakespeare

am 16. April 2010 unter Gedichte und Balladen abgelegt

Sonett I

Wir wünschen Blüte der Vollkommenheit,
Auf daß der Schönheit Rose nie verdorrt,
Doch ist dem Tod die reife Frucht geweiht,
So pflanz’ ein Erbe ihr Gedächtnis fort.
Du lebst nur dir, der Schönheit Selbstgenuß,
Schürst eignen Glanz, der dich verzehrend scheint,
Schaffst Hungersnot aus reichem Überfluß,
Grausam dir selbst gesinnt, dein eigner Feind.
Heut bist du noch der frische Schmuck der Welt,
Der einz’ge Herold für des Frühlings Reiz,
Doch wenn dein Schatz in einer Blüte fällt,
Wird zur Verschwendung, süßer Filz, dein Geiz.
Hab’ Mitleid, birg nicht überreiche Gabe,
Der Welt Anrecht, in dir und in dem Grabe.

William Shakespeare

Fröhliche Ostern / Kurt Tucholsky

am 05. April 2010 unter Gedichte und Balladen abgelegt

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Fröhliche Ostern

Da seht aufs neue dieses alte Wunder:
Der Osterhase kakelt wie ein Huhn
und fabriziert dort unter dem Holunder
ein Ei und noch ein Ei und hat zu tun.

Und auch der Mensch reckt frohbewegt die Glieder -
er zählt die Kinderchens: eins, zwei und drei …
Ja, was errötet denn die Gattin wieder?
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!

Der fleißige Kaufherr aber packt die Ware
ins pappne Ei zum besseren Konsum:
Ein seidnes Schnupftuch, Nadeln für die Haare,
Die Glitzerbrosche und das Riechparfuhm.

Das junge Volk, so Mädchen wie die Knaben,
sucht die voll Sinn versteckte Leckerei.
Man ruft beglückt, wenn sie’s gefunden haben:
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!

Und Hans und Lene steckens in die Jacke,
das liebe Osterei - wen freut es nicht?
Glatt, wohlfeil, etwas süßlich im Geschmacke,
und ohne jedes innre Gleichgewicht.

Die deutsche Politik … Was wollt ich sagen?
Bei uns zu Lande ist das einerlei -
und kurz und gut: verderbt euch nicht den Magen!
vergnügtes Fest! vergnügtes Osterei!

Kurt Tucholsky

Ostern / Theodor Storm

am 04. April 2010 unter Gedichte und Balladen abgelegt

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Ostern

Es war daheim auf unserm Meeresdeich;
Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,
Zu mir herüber scholl verheißungsreich
Mit vollem Klang das Osterglockenläuten.

Wie brennend Silber funkelte das Meer,
Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel,
Die Möwen schossen blendend hin und her,
Eintauchend in die Flut die weißen Flügel.

Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand
War sammetgrün die Wiese aufgegangen;
Der Frühling zog prophetisch über Land,
Die Lerchen jauchzten und die Knospen sprangen. -

Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft,
Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen,
Und alles treibt, und alles webt und schafft,
Des Lebens vollste Pulse hör ich klopfen.

Der Flut entsteigt der frische Meeresduft;
Vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;
Der Frühlingswind geht klingend durch die Luft
Und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.

O wehe fort, bis jede Knospe bricht,
Daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;
Entfalte dich, du gottgebornes Licht,
Und wanke nicht, du feste Heimaterde! -

Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht
Aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,
Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,
Die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.

Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr
Den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben;
Denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer -
Das Land ist unser, unser soll es bleiben!

Theodor Storm

Ostern / Joseph Freiherr von Eichendorff

am 03. April 2010 unter Gedichte und Balladen abgelegt

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Ostern

Vom Münster Trauerglocken klingen,
Vom Tal ein Jauchzen schallt herauf.
Zur Ruh sie dort dem Toten singen,
Die Lerchen jubeln: Wache auf!
Mit Erde sie ihn still bedecken,
Das Grün aus allen Gräbern bricht,
Die Ströme hell durchs Land sich strecken,
Der Wald ernst wie in Träumen spricht,
Und bei den Klängen, Jauchzen, Trauern,
Soweit ins Land man schauen mag,
Es ist ein tiefes Frühlingsschauern
Als wie ein Auferstehungstag.

Joseph Freiherr von Eichendorff

Auf ein Ei geschrieben / Eduard Mörike

am 02. April 2010 unter Gedichte und Balladen abgelegt

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Auf ein Ei geschrieben

Ostern ist zwar schon vorbei,
Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen,
Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz
Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät’s gaudieren,
Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln,
Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.

Die Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen,
Wohl die Henne? wohl das Ei?

Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat’s der Has gebracht.

Eduard Mörike

Gedicht von Frank Wedekind

am 19. März 2010 unter Gedichte und Balladen abgelegt

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Abschied

Die Sinnlichkeit gibt mir Abschiedsfest;
Das sind kuriose Gestalten,
In Binden gewickelt, in Schienen gepreßt,
Und kaum mehr festzuhalten.

Die strahlende Nacktheit such ich so bang,
Es fehlt ihr wohl an Vertrauen.
Ich hab sie bei gellendem Becherklang
Zu häufig zusammen gehauen.

Und ist erst das Seelenleben entweibt,
Dann sind sämtliche Lampen erloschen.
Für das, was für mich dann noch übrigbleibt,
Dafür gebe ich nicht einen Groschen.

Frank Wedekind

Joseph Freiherr von Eichendorff

am 16. März 2010 unter Gedichte und Balladen abgelegt

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Gustav Mahler (1860-1911)

am 13. März 2010 unter Gedichte und Balladen abgelegt

Die Gedanken sind frei

1.

wer kann sie erraten?
Sie fliegen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen
mit Pulver und Blei:
Die Gedanken sind frei!

2.

Ich denke, was ich will
und was mich beglücket,
doch alles in der Still’
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch, mein Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei!

3.

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei!

4.

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
Die Gedanken sind frei!

Später hinzugefügte Strophe:

5. Ich liebe den Wein,
mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein
am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine
bei meinem Glas Weine,
mein Mädchen dabei:
Die Gedanken sind frei!

Gustav Mahler

Gedicht von Walther von der Vogelweide

am 12. März 2010 unter Gedichte und Balladen abgelegt

Ob ich mich selben rüemen sol,
sô bin ich des ein hübescher man,
daz ich sô manege unfuoge dol
sô wol als ichz gerechen kan.
ein klôsenære, ob erz vertrüege? ich wæne, er nein.
hæt er die stat als ich si hân,
bestüende in danne eine zörnelîn,
ez wurde unsanfter widertân.
swie sanfte ichz alsô lâze sîn,
daz und ouch mê vertrage ich doch dur eteswaz.

Frouwe, ir sît schoene und sît ouch wert:
der zwein stêt wol genâde bî.
waz schadet iu daz man iuwer gert?
joch sint iedoch gedanke frî.
wân und e wunsch daz wolde ich allez ledic lân:
höveschent mîne sinne dar,
waz mag ichs, gebents iu mînen sanc?
des nement ir lîhte niender war:
sô hân ichs doch vil hôhen danc.
treit iuch mîn lop ze hove, daz ist mîn werdekeit.

Frouwe, ir habt mir geseit alsô,
swer mir beswære mînen muot,
daz ich den mache wider frô;
er schame sich lîhte und werde guot.
diu lêre, ob si mit triuwen sî, daz schîne an iu.
als fröwe iuch, ir beschwærtet mich:
des schamt iuch, ob ichz reden getar,
lât iuwer wort niht velschen sich,
und werdet guot: sô habt ir wâr.
vil guot sît ir, dâ von ich guot von guote wil.

Frouwe, ir habet ein werdez tach
an iuch geslouft, den reinen lîp,
wan ich nie bezzer kleit gesach:
ir sît ein wol bekleidet wîp.
sin unde sælde sint gesteppet wol dar in.
getragene wât ich nie genam:
dise næm ich als gerne ich lebe.
der keiser wurde ir spileman,
umb also wünneclîche gebe,
dâ keiser spil. nein, hêrre keiser, anderswâ!

Hoffmann von Fallersleben, 1841 ” Café National “

am 07. März 2010 unter Gedichte und Balladen abgelegt

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Café National

Welch ein Flüstern, welch ein Summen !
Welch ein stiller Lesefleiß!
Nur Marköre schreien und Brummen:
Tasse schwarz! Und Tasse weiß!

Und die Zeitungsblätter rauschen,
und man liest und liest sich satt,
um Ideen einzutauschen,
weil man selbst gar wenig hat.

Und sie plaudern, blättern, suchen,
endlich kommt ein Resultat:
noch ein Stückchen Apfelkuchen!
Zwar der Kurs steht desolat.

Und sie sitzen, grübeln, denken,
und sie werden heiß und stumm,
und mit kühlenden Getränken
stärken sie sich wiederum.

So vertreibt man sich die Zeiten
nach des Tages Hitz’ und Last,
bis erfüllt mit Neuigkeiten
geht nach Haus der letzte Gast.

Doch am Morgen sieht sich wieder
hier der alte Lesekreis,
und man läßt sich häuslich nieder:
Tasse schwarz! Und Tasse weiß!